Archiv des Tags ‘selbstbestimmung’

Augmented Reality in SL - Visualisierungs-/Ausstellungsüberlegungen - Version 2

Mittwoch, den 13. Februar 2008

Hintergrund

“Augmented Reality” (AR), eine mit zusätzlichen Informationen “angereicherte Realität”, gilt als einer der nächsten und antizipiertesten Entwicklungen im Grenzbereich Virtualität - Realität, da sie verspricht, die momentan noch klar bestehende Trennlinie aufzulösen oder zumindest die Trennschärfe verschwimmen zu lassen.

Erste Anwendungen aus dem Bereich der AR haben dabei längst Einzug in den heutigen Lebensalltag gefunden, wie etwa in Form von Verkehrsleitsystemen oder mittels PDAs, die physische Gegenstände mit weiteren Informationen anreichern.

Letzteres versucht bereits seit einiger Zeit das Projekt “Semapedia” mit dem Leitspruch “Hyperlink your world” und dem Ziel “to connect the virtual and physical world by bringing the right information from the internet to the relevant place in physical space”.

In “Second Life” (SL) findet derlei bereits ohne Bruch statt. Jedes Gebäude, jedes Objekt, jeder Charakter ist mit weiterführenden Daten versehen, die über das hinausreichen, was auf den ersten Blick erkennbar ist. Ganz nach dem “Transformers”-Motto: “More than meets the eye”.

Übertragbarkeit auf Second Life

Insofern lassen sich Definitionskriterien für eine “erweiterten Realität”, wie etwa im Essay “A Survey of Augmented Reality” von Ronald Azuma aufgestellt, bejahen, wenn man SL als “geschlossene Welt” betrachtet.

Tatsächlich lässt sich auch bereits eine Verknüpfung digitaler Objekte aus SL mit dem physischen Raum realisieren, wie Frank im Blogeintrag Augmented Reality & Second Life zeigt.

  • Die virtuelle Realität und die Realität sind miteinander kombiniert (teilweise überlagert).
  • Interaktivität in Echtzeit
  • Reale und virtuelle Objekte stehen 3-Dimensional zueinander in Bezug.

Die genannten Beispiele - Verkehrsleitsysteme, Semapedia und auch die Projektion virtueller Gegenstände aus SL in den physikalischen Raum - haben allerdings gemeinsam, daß sie alle nur mittels einer Schnittstelle funktionieren, die vereinfacht gesagt, immer auf einen Bildschirm zurückgreift. Verkehrsleitsysteme zeigen Wege auf einem Monitor an, Semapedia nutzt für die Eingabe eine Bilderkennung via Fotografie und für die Ausgabe das LCD des PDAs/Handys, das Georgia Institute of Atlanta eine Shutterbrille.

Es besteht also immer ein - tatsächlich - “fühlbarer” Bruch, eine Schwelle vom “Real Life” zum “Second Life” und zurück.
Zukünftige Anwendungen der AR sollen diese Schwelle soweit absenken, daß der Übergang geradezu unmerklich wird.

Nutzt man SL als eine in sich abgeschlossene Welt in der Avatare ihr Dasein fristen, lässt sich dies allerdings bereits jetzt simulieren.
Genaugenommen findet genau dieses Szenario in SL unablässig statt.

Notwendiges Übel?

Es werden unaufhörlich Daten über Position, Bewegung, Blickrichtung, Zustand, Umgebung gesammelt, prozessiert und in “Reaktionen” übersetzt - notwendigerweise, um die SL-Welt zu erschaffen.
Allerdings dürften diese Vorgänge den meisten Nutzern wenig bewusst sein, denn sie geschehen - ganz wie als endgültiges Ziel der AR ausgegeben - im Verborgenen ohne sich aufzudrängen oder gar störend in den Vordergrund zu treten.

Bewusst-sein

Genau diese intransparenten Vorgänge “im Code” und “in der Maschine” auszustellen, um auf sie hinzuweisen und damit auf die Transformation unserer eigenen physischen Welt aufmerksam zu machen, ist Ziel meines Konzeptes.

Hierfür bedarf es eines “Rückschritts”, d. h. eine De-evolution des Machbaren, da in SL die Daten- und die “Welt”ebene - natürlich zwangsläufig - komplett miteinander verschmolzen sind.

Umsetzung

SL-AR-PDA Ausgaberaum

Im Eingang des gemeinsamen Ausstellungsraums bzw. in einem eigenen kleinen Gebäude wird eine Informations- und Ausgabestelle eingerichtet, ähnlich zu Ausgabestellen für Audioguides.
Optisch präsentiert es sich als ein leicht “futuristisch” gestaltetes Pult aus glattem Metal, flankiert von im Boden versenkten Lichtern, die somit eine “durchlässige” Begrenzung darstellen, im Hintergrund eine gebogene “Leinwand”, auf der typische Szenen aus SL als Slideshow angezeigt werden, darunter immer wieder Abbildungen des SL-AR-PDA (”Second Life Augmented Reality Personal Digital Assistant”) und Slogans wie “Know Where To Go”, “Your Personality Defines The Way“.
(vgl. Skizze Ausgaberaum)

SL-AR-PDA

Der Nutzer bzw. sein Avatar erhalten aus einer im Pult versenkten “Röhre” durch Berühren (”Touch”) einen SL-AR-PDA, ein Gerät, das dem Trikorder aus Star Trek ähnelt.
(vgl. Skizze SL-AR-PDA)

Enhanced Information

Der PDA ist fähig, über Gegenstände, auf die man ihn richtet, “Auskunft” zu geben.
Hierzu verwendet er die ohnehin verfügbaren Informationen über Objekte in SL (Besitzer, Modifizierung erlaubt, etc.) und gibt diese sozusagen als seine “eigenen Erkenntnisse” aus. Dies ist via Skript möglich.

Dies verdeutlicht, daß an - vermeintlich physische - Objekte, wie etwa einen Baum, bereits eine ganze Reihe eigentlich abgekoppelter Daten gebunden sind, somit eine “zweite Schicht” an Informationen exisitert, die man den primären, optisch wahrgenommenen überlagern kann, ein Prinzip der “Augmented Reality”.

Zudem bestünde die Möglichkeit, selbst Gegenstände zu konstruieren, die ausschließlich auf “Kontakt” mit einem solchen PDA reagieren und ihre “Eigenschaften” preisgeben. Diese Objekte müssten in die restliche Ausstellung integriert werden und könnten in diesem Zusammenhang “ernsthafte” Informationen bereitstellen, so sie nicht sogar selbst in einen anderen Teil der Ausstellung integriert sind (z. B. Spiegel im Bereich “Identität”).

Es ließen sich ebenfalls bei offener Bereitstellung der Skripte SL-weit von anderen Nutzern Objekte erstellen lassen, die mit diesem PDA zusammenarbeiten.

Eine Verknüpfung von Projekten virtueller und physischer Realität könnte darin bestehen, 2D-Barcodes, wie sie Semapedia verwendet, an Objekten anzubringen, die der PDA “fotografiert”/aufnimmt und in die entsprechende URL übersetzt.

Tracking

Ein zentraler Gedanke in diesem Konzept besteht darin, die unsichtbaren, im Gerät vonstatten gehenden Mechanismen zu verdeutlichen, i. e. ein Bewußtsein dafür zu schaffen, daß Algorithmen anhand statistischer Datensammlungen an vielen Stellen für uns “Entscheidungen treffen” oder zumindest unsere Entscheidungen beeinflussen.

“Augmented Reality”, v. a. in Kombination mit “Pervasive/Ubiquitous Computing“, muß, um unaufdringlich als Helfer jederzeit bereitzustehen, seine Umgebung, sowie seinen Nutzer “kennen”.
Das bedeutet ein ununterbrochenes Sammeln, Klassifizieren, Aufbereiten und Analysieren von Daten, u. a. bzgl. der Aktionen des Nutzers und dessen Bewegungen im Raum.

Der SL-AR-PDA soll genau diese Verfolgbarkeit und Überwachung der eigenen Schritte und des eigenen Handelns transparent machen bzw. zunächst dessen Existenz vor Augen führen.

Hierzu gibt der PDA entweder in bestimmten zeitlichen Intervallen oder nach einer bestimmten Menge vollführter Handlungen - oder eben auch einfach zufällig - eine kurze Auflistung der besuchten Orte, der getroffenen Charaktere, der Anfragen, etc. aus.

Es besteht die Möglichkeit, dies tatsächlich mittels User- bzw. Objekttracking-Skripten umzusetzen.
Tatsächlich plädiere ich aber für eine inszenierte Situation mittels einer fixen, vorbereiteten Datenbasis von gestellten Charakternamen, Handlungen und Orten, die zufällig ausgewählt und kombiniert werden.

Abgesehen von der wesentlich komplexeren programmiertechnischen Aufgabe, “echte” Daten des Avatars zu sammeln und über statistische Methoden vergleichbar mit den Empfehlungsseiten Amazons et al. auszuwerten sowie aufzubereiten, soll diese Projektidee “echtem” Profiling und Tracking keine Plattform bieten. Dies würde nur einen zusätzlichen Angriffsvektor für böswillige Individuen schaffen und den intendierten Aufklärungseffekt unmittelbar vernichten.

Schon rein zufällige, vermeintlich mit der eigenen Person/Avatar verbundene Aussagen sind geeignet, das verstörende Gefühl des “Ausgeliefertseins” und des Nicht-Wissens, nach welchen Gesetzmäßigkeiten die Maschine arbeitet, hervorzurufen.
Tatsächlich umso mehr als mit echten Daten, da die Zusammenhänge - die nicht vorhanden sind - zwischen eigenen Aktionen und extrapolierten Aussagen nicht nachvollzogen werden können.

In Zusammenhang mit dieser Pseudo-Auswertung besuchter Orte und ausgeführter Aktionen unterbreitet der PDA in zufälligen Intervallen Wegvorschläge und vermeintlich interessante Plätze.
Dies ist ein weiterer, tatsächlich erfahrbarer, Schritt zur Illustration der Frage nach Selbst- und Fremdbestimmung durch Datenbanken und Algorithmen.

Die Überlegung, den “hilfsbereiten” SL-AR-PDA direkte Hinweise auszugeben, z. B. die Frage, ob den Nutzer denn überhaupt nicht interessiert, wieso gerade Ziel X als interessant vorgeschlagen wurde, um so auf das oben beschriebene Dilemman hinzuweisen, verwerfe ich als übertrieben.
Es soll den Nutzern überlassen bleiben, zu erkennen, daß autonome Maschinenentscheidungen auf Basis reiner statistischer Auswertung gesammelter Daten den “Geschmack” oder das zufällige Entdecken zu ersetzen suchen.

SL als Ausstellungsraum

Dieses Konzept beschränkt sich nicht auf einen festen Ausstellungsraum, in dem bestimmte Aspekte der digitalen Welt thematisiert und präsentiert werden, sondern nutzt die komplette, ohnehin künstliche “Umwelt” als “Ausstellungs- bzw. Erfahrungsraum” für die Potentiale von Augmented Reality, wobei die damit einhergehenden Fragen bzgl. Selbstbestimmung und Kontrolle zentral mitgedacht werden.

Second Life selbst wird hierbei einer kritischen Betrachtung unterzogen, denn man selbst bzw. der Avatar steht in dieser Welt ununterbrochen unter Beobachtung durch nicht nachvollziehbare, mathematisch-stastische Verfahren, Datenbanken und Algorithmen.
Die gesamte Welt, in der man sich bewegt, wird auf diese Weise erzeugt.

Gerade der Versuch der Erzeuger dieser Welt, u. a. mittels möglichst fotorealister Grafik und vertrauter Strukturen - sowohl physikalisch (Schwerkraft), als auch sozial (Geldgeschäfte) -, diese Eigenschaft des “digital kontrollierten Freiraums” zu verbergen, soll entlarvt und sichtbar gemacht werden.


AJAXed with AWP